Mobile aufsuchende Jugendarbeit

 

Mobile, aufsuchende Jugendarbeit wendet sich an junge Menschen, die ihre Freizeit an informellen Treffpunkten „auf der Straße“ verbringen. Mit einem hohen Grad an Flexibilität und methodischer Vielfalt orientiert sich mobile Jugendarbeit an den wechselnden, in der Regel problembelasteten Lebenswelten ihrer Adressaten. Ziel dieser Arbeit ist es, junge Menschen bei der Durchsetzung ihrer Interessen zu fördern und ihnen auch in schwierigen Lebenslagen unterstützend zur Seite zu stehen.

„Mobile Jugendarbeit“ in Hagen

 

Vorbemerkung

 

Die im Folgenden konzipierte „Mobile Jugendarbeit“ in Hagen ist als ein eigenständiger Arbeitsbereich gedacht, der im Fachbereich Jugend/Arbeit-Leben-Zukunft des Diakonischen Werkes im Handlungsfeld der offenen Kinder- und Jugendarbeit angegliedert ist.

 

Konkretisierung in Bezug auf die Situation in Hagen

 

1. Um wen geht es

 

Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Cliquen oder als Einzelpersonen an informellen Treffpunkten in allen Stadtteilen Hagens.

 

2. Das Problem


Eine vermutlich wachsende Anzahl von Kindern und Jugendlichen wendet sich von herkömmlichen gesellschaftlichen Beteiligungsangeboten und Integrationsbemühungen ab oder wird von diesen gar nicht erst erreicht. Sie treffen sich in Cliquen an informellen Treffpunkten vermutlich in fast allen Stadtteilen in Hagen und formieren sich erfahrungsgemäß an immer wieder neuen Plätzen.

Durch Abbau von Jugendangeboten bzw. auch durch das Einschränken von Öffnungszeiten, sind in Hagen weitere informelle Treffpunkte entstanden.

Die Gründe sind verschiedenartig. Empfundene oder reale Benachteiligungen - z.B. durch die sozialen Verhältnisse in Familien -, Interessenskonflikte oder Interessensdefizite  - z.B. am Arbeitsplatz -, Mangel an Anerkennung und fehlender Lernerfolg - z.B. im Bereich von Schule und Ausbildung -  zählen dazu. Dies führt oft zu einem Gefühl von Ausgegrenztheit, welches sich wiederum in der widersprüchlichen Spanne zwischen Gleichgültigkeit und Aggressivität äußern kann.

Auf der Suche nach Kompensation oder einem Ventil für ihre Unzufriedenheit treffen sie sich in Cliquen von Gleichbetroffenen oder Gleichgesinnten vor allem abends an weniger zugänglichen, gelegentlich auch an exponierten Stellen in der Stadt. „Die Straße“ wird zu ihrem Lebensort.

Dabei geraten sie oft bewusst oder unbewusst in Konflikt mit gesellschaftlichen Normen oder gar in Konflikt mit Vorschriften und Gesetzen.

Die Eltern sind meist ahnungslos oder hilflos. Aufenthaltsverbote aufgrund von Beschwerden der Anlieger und Polizeikontrollen sind oft unumgänglich, haben aber nur selten nachhaltige positive Wirkung. Eher verstärken sie bei vielen Kindern und Jugendlichen durch das als feindlich empfundene Eingreifen noch den Eindruck des persönlichen Ausgegrenzt seins mit der Folge wachsender Abkehr von der Gesellschaft und wachsender Abneigung gegen ihre Institutionen.

Öffentliche Räume werden aber auch dazu genutzt, sich ohne Beobachtung, ohne Aufsicht und Beziehungsangebote durch Erwachsene, frei zu verhalten.

 

3. Zielsetzung und Anliegen

 

Streetwork als Lösungsbeitrag.

Streetwork ist soziale Arbeit von innen. Das Arbeitsfeld der „Streetworker“ liegt „auf der Straße“, also dort, wo die Kinder und Jugendlichen sich treffen. Ihre Arbeitsweise basiert auf dem direkten Kontakt und außerhalb formeller Einrichtungen. Unabdingbare Arbeitsgrundlage ist das gegenseitige Vertrauen. Streetworker müssen in der Lage sein, das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen nicht durch Manipulation, sondern durch ehrliches Interesse an ihren Lebensumständen zu gewinnen. Ihre Annäherung an eine Gruppe geschieht schrittweise und zwanglos, meist durch persönliche Beziehungen zu einem der Gruppenmitglieder. Ihr Einfluss gründet sich auf kritisches Mitdenken in der Gruppe, auf Aufzeigen von alternativen Betätigungsmöglichkeiten und deren organisatorische Unterstützung. Dabei verbergen sie ihre Identität als Sozialarbeiter/in nicht, machen aber unmissverständlich deutlich, dass sie zwar die Hilfe sozialer Einrichtungen für die Gruppe in Anspruch nehmen können, aber unabhängig von diesen Institutionen tätig sind. Sie agieren als Berater und Helfer, die die Probleme der Betroffenen kennen und verstehen wollen, ohne von vornherein eine Gegenposition einzunehmen. Dies erfordert eine beidseitige Positionierung „auf Augenhöhe“, ohne dabei die Balance zwischen Nähe und Distanz zu gefährden. Ihre Unterstützung durch die örtlichen Sozialeinrichtungen muss jederzeit gewährleistet sein, ohne dass dadurch ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht. Dass solche Arbeit nur von professionell ausgebildeten Personen wahrzunehmen ist, steht außer Frage.

 

Das bedeutet im Einzelnen:

  • Alltags- und Lebenshilfen für junge Menschen durch Schaffung und Durchführung von niederschwelligen Beratungs- und Begleitungsangeboten in Kooperation mit der sozialen Infrastruktur.
  • Frühzeitiges Erkennen von Bedarfs-, Interessen- und Problemlagen von Jugendlichen in Cliquen- und Szenezusammenhängen, deren Vernachlässigung zur Gefährdung von jungen Menschen und von Dritten führen bzw. führen kann.
  • Stabilisierung und Förderung der positiven Kräfte (empowerment), von Gleichberechtigung, Emanzipation und Interkulturalität in der begleiteten Clique.
  • Förderung von Interessenvertretung und konstruktiver und gewaltfreier Konfliktlösung im Gemeinwesen u.a. durch Konfliktmoderation.
  • Verbesserung jugendlicher Lebens- und Freizeitsituationen im Stadtteil durch Verhinderung von Stigmatisierungen und Einmischung in desintegrierende Lebenswelten.
  • die bedarfsgerechte Weiterentwicklung von Jugendarbeit in den Stadtteilen und entsprechende Differenzierung von Angeboten.
  • Erweiterung der Sozialräume, d.h. der Vernetzung von Jugendlichen in ihrem Umfeld.
  • Erhaltung und Schaffung von Freiräumen für junge Menschen auch im öffentlichen Raum.
  • Aktivierung von Beteiligung der begleiteten Jugendlichen an für sie relevanten Planungs- und Entscheidungsprozessen.

 

4. Aufgabenbereiche

4.1 Vertrauensarbeit - aber wie?

  • grundlegend: engere Zusammenarbeit mit den ansässigen Jugendzentren
  • Schaffung eines vertrauensvollen Kontaktnetzes zu den Adressaten durch Begegnung
  • Angebote auf lockerer sportlicher und spielerischer Ebene ausschließlich außerhalb der Einrichtungen
  • regelmäßige Begegnung an informellen Treffpunkten mit bekannten und unbekannten Kindern/Jugendlichen (Vertrauensvernetzung)
  • Erlangen eines unaufdringlichen Bekanntheitsgrad auf der Straße
  • Signalisieren von Unabhängigkeit zu Einrichtungen und behördlichen Institutionen
  • professionelles Nähe-Distanz-Verhältnis signalisieren und langfristige Vertrauensverhältnisse schaffen.
  • solidarische Unterstützung gegenüber Behörden, Ämtern und Institutionen, Anwohnern

 

4.2  Warum seid ihr hier?

  • warum wurde dieser Treffpunkt gewählt und was macht ihn aus
  • welche Gefühle/Interessen/Ziele verbinden sich damit
  • warum fehlt der Bezug/das Vertrauen zu den vorhandenen Jugendeinrichtungen
  • wie kann ich als Streetworker eure Interessen vertreten

 

4.3 Beratungsbedarf

 

Beziehungsfragen und Hilfe bei Alltagsproblemen (Streit in der Clique; Aggressionen; Freund/Freundin; Sexualität, Verhütung und Partnerschaft; Arztbesuche; Familienkonflikte; Wohnprobleme; Schulden und Geldnot (a. Spielsucht); Alkohol/ Rauchen/ illegale Drogen)

  • Lebensplanung (Schulschwierigkeiten, Berufswahl, Ausbildung und Jobs)
  • Probleme mit Behörden (Polizei, Ausländerbehörde, Gericht, Amt für Soziale Dienste, Wohnungsamt)
  • Erkennen und Durchsetzen eigener Interessen Konfliktmoderation, -bearbeitung und -beratung zwischen Jugendlichen und Erwachsenenumfeld
  • Informationsbedarf bzgl. geeigneter Anlauf- bzw. Beratungsstellen und Netzwerke im Hilfesystem

 

5. Arbeitsformen/Methoden

 

Streetwork,

  • Jugendberatung,
  • Freizeitpädagogik
  • Gemeinwesenarbeit.
  • Konfliktmoderation und -begleitung
  • Bedarfsermittlung im Rahmen sozialraumorientierter Jugendhilfeplanung
  • Jugendpolitische Interessenvertretung, „Einmischung“ als ExpertInnen für Lebenslagen Jugendlicher
  • Förderung von Partizipation Jugendlicher
  • Förderung von Interkulturalität
  • Halbjährige Evaluation unter Einbezug der Fachbereichsleitung

 

Wichtig:

 

Sie ersetzt nicht andere Formen der Erziehungshilfe, der Jugendsozialarbeit oder die

Jugendarbeit in Einrichtungen, sondern ergänzt diese um den aufsuchenden Ansatz.


Mobile Jugendarbeit in Hagen mit Cliquen oder Einzelpersonen erreicht ihr Klientel unmittelbar im Lebensraum und daher früher als in der einrichtungsbezogenen Arbeit gewohnt. Sie erreicht auch solche Kinder und Jugendliche, die nicht oder nicht mehr von anderen Einrichtungen und Diensten angesprochen werden konnten bzw. wurden oder die diese Angebote nicht akzeptierten. Eingebunden in ein Geflecht aller im Stadtteil vorhandenen Netzwerke, Dienste und Einrichtungen bringt sie einen frühen Zugang zu den Problemlagen der Klienten. Das hat den Vorteil, dass Lösungswege wesentlich früher aufgezeigt und die erforderlichen Hilfen damit wahrscheinlich erfolgreicher eingeleitet werden können.

Die methodischen Zugangswege und Handlungsebenen der mobilen Jugendarbeit orientieren sich an den Lebensumständen und kulturellen Hintergründen, an den Problemen und darüber hinaus an den Sozialräumen Jugendlicher. Sie sind gemeinwesenorientiert und zugleich cliquen/- bzw. szeneorientiert. Die Szenetreffpunkte der verschiedenen Jugendkulturen richten sich nicht an den Grenzen des Sozialzentrums oder des entsprechenden Hagener Stadtteils aus, sondern allein nach den Bedürfnissen der Jugendlichen vor Ort. Eine Kopplung der Organisation aufsuchender Arbeitsansätze an Verwaltungsstrukturen birgt die Gefahr des Verlustes einer bedarfsgerechten Schwerpunktsetzung. Streetwork folgt der Mobilität der Jugendlichen und begleitet sie in ihrem Freizeitverhalten.

 

6.Materielle und Strukturelle Rahmenbedingungen


Zielgruppenakzeptanz wird über ein klares fachliches Profil, über Kontinuität der Arbeit, Qualität und Attraktivität des Angebots und über die persönliche Glaubwürdigkeit der Streetworker erzielt.

Die Arbeitsbedingungen und -strukturen sind von entscheidender Bedeutung für das Gelingen der Arbeit. Folgende Rahmenbedingungen müssen für den Streetworker und für Jugendliche erkennbar verlässlich geschaffen und abgesichert werden:

  • Anlaufstelle in den Stadtteilen (als Zone für intensive Einzelgespräche mit Jugendlichen; als Anlaufstelle für Gruppen Jugendlicher oder Cliquen)
  • Handgeld, ohne bürokratische Abrechnung
  • Zugang zu möglichst einem Jugendzentrum mit Anrufbeantworter, PC und Fax.
  • wenige Verwaltungstätigkeiten.
  • flexible Gestaltung der Arbeitszeiten orientiert an den Bedürfnissen der Adressaten
  • Rückendeckung durch Anstellungsträger und Vorgesetzte
  • regelmäßige kollegiale Beratung, Supervision und Fortbildung
  • Vernetzung und Kooperation als Teil des Arbeitsauftrages mit allen relevanten Institutionen (z.B. Jugendhilfe/Justiz)
  • Verfügungsmöglichkeit über einen Kleinbus
  • Ausstattung mit Handys

 

7. Berichtswesen/Dokumentation und Evaluation

 

Die „Mobile Jugendarbeit“ dokumentiert  die Arbeit mit halbjährlichen Zwischenberichten. Auf dieser Grundlage wird ein Evaluations- und Praxisentwicklungsgespräch in einem kollegialen Fachbegleitungsteam unter Leitung der Fachbereichsleitung geführt und stetig fortgeschrieben.

 

8. Personelle Ausstattung

 

2 Mitarbeiterinnen m/w auf 1,5 Stellen mit der Qualifikation Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, die  Kompetenzen wie, eine große Kontaktfreudigkeit, Authentizität, selbstsicheres Auftreten und die Fähigkeit vernetzt zu arbeiten, mitbringen.

 

9. Kooperationsformen mit verschiedenen Institutionen

 

Die Kinder und Jugendlichen der Adressatengruppe haben je nach eigener Lebenslage und Biographie derartig unterschiedliche Probleme, dass nur die vielfältigen Hilfsmöglichkeiten und -wege, die der soziale Markt anbietet, ausreichend differenzierbare Zugänge schaffen.

 

Eine enge Kooperation und fachliche Kommunikation des Teams mit den im regionalen Umfeld tätigen Diensten und Einrichtungen sowie mit Vereinen und Mieterinitiativen, mit Schulen, Betrieben, Beschäftigungsinitiativen und Kirchengemeinden in Hagen bildet daher die wesentliche Arbeitsgrundlage eines Streetworkers. Es trägt zur Qualitätssicherung und zur optimalen Nutzung der Ressourcen eines Gemeinwesens und zur Optimierung von Sozialräumen der Jugendlichen bei.

 

9.1 Beiträge von Projektpartnern sind beispielsweise:

  • Zeitweilige oder dauerhafte Bereitstellung von Räumen, Freiräumen oder Flächen für die jugendliche Clique (z.B. durch Schulen, Kirchengemeinden, Sportvereine, Jugendeinrichtungen und Kulturzentren).
  • Förderung der selbstorganisierten Öffnung von Jugendräumen und entsprechende Angebote für Cliquen.
  • Materielle oder sächliche Unterstützung des Projektes (z.B. bei kleinen Investitionen, Anschaffungen oder für gemeinsame Unternehmungen und Sonderveranstaltungen oder im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit oder durch Spenden jeder Art).
  • Schaffung von Arbeitsgelegenheiten und Stundenjobs für jugendliche Cliquenmitglieder im Stadtteil (z.B. durch Betriebe und Einzelhändler, Beschäftigungsinitiativen, Bewohner des Stadtteils) sowie Ausbildungsmöglichkeiten im Rahmen der Jugendberufshilfe.
  • Bereitstellung von Räumen für treffpunktnahe Beratungsgespräche.

 

Kontakt

 

Mobile aufsuchende Jugendarbeit

Seilerstr. 11a

58097 Hagen       

                    

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Handy   0170 8 51 54 18

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Ansprechpartner

 

Bastian Schuldt

 

Gesamtleitung der offenen und

mobilen Kinder- und Jugendarbeit
Seilerstraße 11a
58097 Hagen

Telefon: 0 23 31 / 87 200
Telefax: 0 23 31 / 4 73 16 65


E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!